Sommercamp im Kasten: Sponsoren und Kooperationspartner ermöglichen Kindern aus sozial benachteiligten Familien eine Ferienwoche

Pädagogik der besonderen Art

Im Sommer 2018 fand das erste „Sommercamp“ im „Kasten“ statt, dem 2019 ein „Herbstcamp“ folgte. Heuer war wieder ein Sommercamp angesagt – für 15 Kinder und Jugendliche eine besondere Augustwoche.

Es ist eine Standardfrage zum Schulbeginn, aber sie ist nicht für alle angenehm. Der Grund ist einfach: Nicht alle Familien können sich Urlaubsreisen leisten. Und deshalb fällt manche Antwort auf das „ich war da und da in Urlaub. Wo warst du?“ auch eher verlegen aus. Das wird in diesem Jahr sicherlich anders, denn wegen der weltweiten Pandemie ist es heuer schwierig mit der Urlaubsplanung; So manche lang geplante Reise fällt ins Wasser.

Erleben und Lernen

15 Kinder und Jugendliche aus Bad Mergentheim und Umgebung hingegen können ihren Klassenkameraden stolz berichten, dass sie im Sommercamp waren. Und dort haben sie viel erlebt und auch gelernt. Zu verdanken ist das zum einen dem Ideengeber und Sommercamp-Leiter Nicolaj Imhof, zum anderen den zahlreichen Sponsoren und nicht

zuletzt den am Projekt beteiligten Schulen sowie freiwilligen Helfern. Sie alle ermöglichten den Kids einen Urlaub, an den sie sich noch lange erinnern werden. Die Kinder sind im Ferienlager. Das ist in den USA die typische Antwort von Eltern auf die Frage, was denn der Nachwuchs in den Ferien macht.

Die Idee ist also nicht neu, Nicolaj Imhof hatte sie mit im Gepäck bei seiner Rückkehr nach Deutschland. Und er reicherte sie an, indem er ein Angebot schaffen wollte für „Kinder und Jugendliche aus Familien, die sich keine Urlaubsreise leisten können“.

„Unverzichtbar“

Der Realschullehrer und Umweltpädagoge ist Mitarbeiter im Pädagogischen Team des Bischöflichen Studieninternates Maria Hilf – allgemein als „Kasten“ bekannt. Er suchte und fand Unterstützer, etwa die Eduard-Mörike-Schule, die Lorenz- Fries-Schule, die Kopernikus-Realschule (alle in Bad Mergentheim) sowie die Kraft zu Hohenlohe- Schule in Weikersheim. Weitere Partner sind das Kreis-Jugendamt und der Kreis-Jugendring, die Sportjugend, das Internat Maria Hilf sowie – um nur einige zu nennen – Sponsoren wie Rotary und der Aktionskreis Sucht und Prävention. „Ohne diese Unterstützung wäre das Sommercamp nicht machbar“, betont Imhof. Außerdem kommen noch acht Betreuer hinzu, „auch die sind unverzichtbar und sie machen einen tollen Job“, lobt er die Schüler und FSJler im Alter zwischen 18 und 20 Jahren.

Was bietet das Sommercamp?

„Eine Menge an Aktivitäten“, sagt Imhof und präsentiert dem FN-Reporter einen DIN-A-2-Bogen mit vielen bunten Feldern – jeder Tag ist ausgefüllt mit Spiel, Spaß und, „das ist ganz wichtig“, auch Arbeit. Einkauf und Küchenarbeit nämlich. Denn natürlich wird selbst gekocht. Und auch Frühstück, Snacks für zwischendurch und Abendessen werden von den Teilnehmern selbst zubereitet. Das erledigen wechselnde Teams, „alle kommen dran“, betont Imhof. Diese Aufgabe sei bei Jungen und Mädchen sehr beliebt. Zudem ergänzt er, dass auch gelernt wird – etwa Englisch. „Das läuft spielerisch und ganz praktisch“, also nicht mit und nach dem Schulbuch. „Wir sprechen Englisch miteinander, erklären Regeln und Abläufe“, schildert Imhof diesen Sprachunterricht der etwas anderen Art. „Und ein bisschen Mathe ist auch dabei.“ Für den Einkauf und die Küchenarbeit „muss man ja ein bisschen rechnen“. Auch das laufe „einfach so

mit“.

Teamgeist gefördert

Ansonsten bilden die übergeordneten Felder: „Teamarbeit, Umweltbewusstsein sowie Selbst- und Fremdbild“. Das Sommercamp ist folglich eine durch und durch pädagogische Veranstaltung, „allerdings ohne erhobenen Zeigefinger“, betont Imhof. Der sei auch gar nicht nötig. Denn den Teilnehmern werde schnell klar, dass es ohne Rücksichtnahme und aktive Teilhabe nicht gehe. Für die Teamfindung reiche der erste Tag – dann geht es los mit dem Programm. Und ja, „die Teilnehmer lernen auch, dass sie aus individuellen Fehlern lernen können“. Wer etwas falsch macht, werde nicht zum Gespött der anderen. „Die Mädchen und Jungen helfen sich gegenseitig.“ Auch das sei ein pädagogisches Ziel dieser besonderen Ferienwoche. Das Sommercamp-Programm ist also vielseitig und lehrreich. Den Kindern und Jugendlichen macht es großen Spaß, wovon sich der Reporter mit eigenen Augen überzeugen konnte. Auf die Frage, ob man denn nächstes Jahr wieder mit dabei sein wolle, gab es durchgehend nur eine Antwort: „Ja, sehr gerne!“ Eben, weil es schön sei, mit anderen gemeinsam etwas zu unternehmen, zu lernen und neue Erfahrungen zu machen.

Bootstour auf der Tauber

Das „Hauptquartier“ ist der Kasten, aber zum Sommercamp gehören auch Ausflüge und Exkursionen – etwa eine Bootstour auf der Tauber („die ist immer ein besonderer  Höhepunkt“, wie der eigens angereiste Michael Geidl von der Sportjugend feststellt) oder ein kurzer Landschulheim Aufenthalt „der besonderen Art“: Die Gruppe nutzt dafür eine freistehende Hütte des Waldschulheims Schöntal. „Ohne Strom-, Gas- und Internetanschluss“, erklärt Imhof„Lernen, wie man sich in der Natur verhält, wie man ein Feuer macht und mit einfachen Mitteln kocht“ gehört ebenso dazu wie „Saubermachen ohne Staubsauger“. Auch der Verzicht aufs Internet (via Smartphone) sei für manche Teilnehmer eine „neue, aber gute Erfahrung“. Was die Planungen in diesem Jahr erschwert habe, das sei die Pandemie. Viele klärende Gespräche gab es, aber „alle meine Gesprächspartner waren bemüht, dass wir es hinkriegen“, sagt Imhof. „Das endgültige Okay des Gesundheitsamtes kam dann eine Woche vor dem Start.“ Es war, davon konnte sich der FN-Reporter überzeugen, nicht nur eine richtige, sondern auch eine gute Entscheidung.

 

Bilder und Text von Hans-Peter Kuhnhäuser